Ich weiß immer gar nicht, ob ich entsetzt oder amüsiert darüber sein soll, wie sehr die ARD-Anstalten gelegentlich an sich selbst scheitern. Egal ob es um Sendeplätze geht oder um die Besetzung von Moderatoren: Selten hat es der Senderverbund geschafft, sich nicht selbst ein Bein zu stellen. Man denke nur an das zunächst fruchtlose Gezänk um Günther Jauch oder die mehrmals gescheiterte Zusammenarbeit mit Stefan Raab beim Eurovision Song Contest. Auch die Tatsache, dass tolle Spielfilme oft in Erstausstrahlung erst nachts laufen oder eine Top-Serie wie “Taras Welten” donnerstagnachts um zwei Uhr versteckt wird, hat letztendlich mit Starrsinnigkeit und der Unfähigkeit zur Lösung zu tun. Und nun gibt es wieder ein schönes Beispiel.
Angestachelt von der durchaus vorzeigbaren Entwicklung des Digitalsenders ZDF NEO hatte der SWR-Intendant Peter Boudgoust vor einigen Monaten die Idee, einen ähnlichen Kanal seitens der ARD zu formen. Der SWR selbst ist für den derzeit mehr oder minder sinnlos dahin dümpelnden Mini-Sender EINS PLUS zuständig. Um EINS PLUS aber in einen schlagkräftigen Kanal umzuwandeln, fehlt es angeblich an Geld. Also war die Idee: Eine Zusammenlegung mit dem Digitalsender EINS FESTIVAL, der wiederum vom WDR betreut wird, wäre doch eine gute Idee. EINS FESTIVAL richtet sich mit kleinen Formaten wie etwa “Coldmirror” eh schon in Teilen an die jüngere Zielgruppe.
Nach Monaten der Diskussion ist der Fusionsplan nach Angaben der “Berliner Zeitung” nun gescheitert. Größte Bremse hierbei war offenbar WDR-Intendantin Monika Piel, die einen Kanal für eher intelligente Jugendliche und junge Erwachsene als sinnlos erachtet. Ihr Argument: Die Jugend ist mit Fernsehen eh nicht mehr zu locken, Zuschauer bekommen solche kleinen Sender eher in der Zielgruppe der 30- bis 50-Jährigen. Es stimmt, dass Jugendliche sich solche Sendungen tatsächlich lieber im Internet als auf der Mattscheibe angucken – wie ja Coldmirror selbst im Interview mit Fernsehkritik-TV bestätigte: Von ihren mehreren hunderttausend Fans schauen lediglich 20.000 bis 30.000 die kleine Show direkt bei EINS FESTIVAL. Aber da fragt man sich doch: Ja, und? In welchem Denken verharrt Frau Piel denn, wenn sie nach wie vor ausschließlich die Einschaltquoten im Fernsehen selbst als Maß aller Dinge nimmt? Und wieso überhaupt Quoten: Sind jetzt Jugendliche also gar nicht mehr interessant für die ARD? Darf es also nicht einmal einen Jugendkanal geben? Zählen nur die geburtenstarken Jahrgänge als Zuschauer? Das ist ja ein schlimmeres Denken als das Zielgruppen-Denken bei den Privaten.
ZDF NEO hat sich, nach einer auch von mir kritisierten belanglosen Anfangsphase, inzwischen zu einem interessanten Sender entwickelt, der neue Formate ausprobiert und das ZDF erfrischend anders zeigt. Die ARD hingegen scheitert wieder mal an ihren eigenen Strukturen. Und dafür zahlen wir ab 2013 alle – ohne uns dagegen wehren zu können.
geschrieben am 11.03.2011 um 19:01 von Fernsehkritiker · 19 Kommentare Kommentar hinterlassen