Die ab 2013 geplante Reform der GEZ-Gebühr ist zwar offiziell verabschiedet worden, aber endgültig in trockenen Tüchern ist sie noch nicht. Denn: Alle 16 Länderparlamente müssen der Reform zustimmen – und ein paar Parlamente haben dies noch nicht getan. Dies ist sozusagen die letzte Chance, die Politik noch einmal zu sensibilisieren für das, was da ab 2013 auf uns zukommen soll:
* Die GEZ bleibt nicht nur bestehen, sie wird sogar noch vergrößert. Der ursprüngliche Plan von Professor Paul Kirchhof, den Einzug der Gebühren künftig über Steuern oder das Einwohnermeldeamt zu regeln (ähnlich wie bei der Kirchensteuer) ist nicht umgesetzt worden. Im Gegenteil: Die GEZ darf sich sogar intime Daten vom Einwohnermeldeamt holen und wird damit die umfangreichste Datenbank Deutschlands über Haushalte und Firmen.
* Zwar werden private Haushalte künftig nicht mehr von der GEZ belästigt, wohl aber kleine und mittelständische Betriebe, bei denen es nach wie vor diverse Ausnahmeregelungen geben soll, die von GEZ-Fahndern kontrolliert werden müssen. Zudem müssen Betriebe (wie etwa Autohändler, in deren Verkaufsmodellen Radios vorhanden sind) mit erheblichen Mehrkosten rechnen.
* Des weiteren sind künftig etwa Schwerstbehinderte im Visier der GEZ, denn nur “Taubblinde” sollen befreit werden können.
* Auch Hartz-IV-Empfänger sollen künftig zahlen, bekommen aber das Geld über das Wohngeld erstattet. Dies bedeutet in jedem Fall ein Mehr an Bürokratie und kostet damit Kommunen und Steuerzahler Geld.
* ARD und ZDF nehmen ab 2013 deutlich mehr Geld ein, denn die Bandbreite der zahlenden Personen wird viel größer. Zumindest 2013 und 2014 aber wird die monatliche Gebühr wie bislang bei 17,98 Euro liegen. Was mit den Mehreinnahmen passieren soll, wird nicht vorgegeben.
* ARD und ZDF dürfen auch weiterhin Werbung und Sponsoring schalten. Damit ist die Chance vertan, die Öffentlich-Rechtlichen ein Stück weg von ihrem Quoten- und Kommerzdruck zu bringen.
* Inhaltliche Vorgaben bekommen ARD und ZDF überhaupt nicht. Die zunehmende Kritik an der Trivialisierung der Programme, sowohl im fiktionalen wie auch im Informationsbereich, hätte auch dazu führen müssen, dass die Definition, was öffentlich-rechtliches Fernsehen zu leisten hat, strenger formuliert wird als bisher.
Hier mal eine Übersicht, wann welches Landesparlament über die Gebühr-Reform entscheidet bzw. bereits entschieden hat:

Im August etwa wird der Hessische Landtag in Wiesbaden in zweiter Lesung über die Reform beraten und sie dann vermutlich beschließen wollen. Daher sollten die Abgeordneten des Parlaments angeschrieben und um Stellungnahme gebeten werden. Wenn das möglichst viele tun, werden sie sich damit auch auseinandersetzen müssen. Möglich ist etwa ein Anschreiben per E-Mail (HIER bzw. HIER finden sich alle Mail-Adressen) oder über die öffentliche Seite Abgeordnetenwatch.de. Über letztere habe auch ich bereits mehrere Abgoerdnete angeschrieben – insbesondere Mitglieder des Kulturausschusses des Hessischen Landtages.
Über eingegangene Antworten werde ich natürlich jeweils informieren. Es wäre schon, wenn sich viele an dieser Aktion beteiligen würden und ebenfalls Mails schreiben – dies gilt natürlich auch für diverse andere Landtage, in denen noch keine Entscheidung gefallen ist (siehe Übersicht oben).
Dies ist eine Aktion in Zusammenarbeit mit GEZ-abschaffen.de.
geschrieben am 17.07.2011 von Fernsehkritiker · 61 Kommentare Kommentar hinterlassenAm Donnerstagabend um 21:45 Uhr gab es statt des Magazins “Panorama” mal eine Panorama-Reportage im Ersten zu sehen. Thema: das Fernsehen, genauer gesagt Scripted Reality Dokus. Nanu, so dachte ich: Da traut sich die ARD ja direkt mal was. Die von Anja Reschke moderierte Reportage “Das Lügenfernsehen” lief bereits am 5. Mai im NDR Fernsehen und hat mir damals gut gefallen. Sollte das Erste also jetzt tatsächlich genau diese gut recherchierte Sendung zur Prime Time um 21:45 Uhr zeigen? Nein, leider nicht ganz! Zwar war die Sendung immer noch informativ, es kamen diverse Betroffene zu Wort – und doch war ihr ein gehöriges Maß an Brisanz nun genommen worden.
Schon bei ihrer Erstausstrahlung war der Sendung durchaus anzukreiden, dass sie nicht besonders selbstkritisch war. Die Privaten – das sind natürlich die Bösen. Aber ich fand es in Ordnung, denn es sind ja nun mal die privaten Sender, die uns derzeit mit gefaketen Dokus wie “Mitten im Leben”, “Die Schulermittler” und “Mieten, kaufen, wohnen” erschlagen. Die Überarbeitung der Sendung für die ARD jedoch zeigt, dass es hier jetzt nicht nur um eine journalistische Reportage gehen soll – man will auch gleich ordentlich Propaganda für die Öffentlich-Rechtlichen machen.
Doch der Reihe nach. Schauen wir uns erstmal an, was in der überarbeiteten ARD-Fassung nun fehlte:
* Die Originalversion der Sendung beginnt mit dem Fall Michael Born, der in den 90er Jahren diverse gefälschte Beiträge ans Fernsehen verkaufte. Hauptabnehmer seiner teils hanebüchenen Storys (u.a. über ein angebliches Sekret, das Junkies aus Kröten gewinnen, um high zu werden) war die RTL-Sendung “Stern TV”. Und wer war 20 Jahre Moderator der Sendung? Richtig: Günther Jauch, der auch in der Sendung bei einem Auftritt zu sehen ist.

Warum das in der ARD-Fassung nicht mehr zu sehen war, liegt auf der Hand: Günther Jauch soll ab September der neue Talk-Star im Ersten werden, deswegen möchte man jegliche kritische Berichterstattung im Zusammenhang mit seiner Person natürlich nicht sehen. Außerdem liegt der ARD vermutlich immer noch die gefälschte Neurodermitis-Reportage im Magen – und deswegen will man sich mit dem journalistischen Fingerzeig auf andere gar nicht erst aufs Glatteis begeben. Da hat man es mit den Fake-Dokusoaps natürlich einfacher.
* In der NDR-Fassung wird ein Interview mit Karl-Heinz Angsten von der TV-Produktionsfirma “Good Times” gezeigt, die auch schon für “Mitten im Leben” verantwortlich war. Angsten spricht darin über den großen Druck und Konkurrenzkampf unter den Produzenten und daraus ableitend über die aus Zeitmangel magere Recherche und die möglichst billigen Produktionskosten.

Eigentlich waren die durchaus interessanten O-Töne von Angsten einer der Höhepunkte der Sendung – in der ARD-Fassung jedoch fehlte das Interview mit ihm nun komplett. Der Grund ist womöglich folgender: “Good Times” produziert auch Sendungen für die Öffentlich-Rechtlichen, zum Beispiel erst kürzlich für den NDR “Die Lebensretter”:

Wahrscheinlich wollen sich die ARD und “Good Times” eine künftige Zusammenarbeit nicht verscherzen – und deswegen ließ man das Interview mit dem Produzenten einfach komplett im Mülleimer verschwinden.
* Komplett fehlt auch der Teil, der sich mit der RTL-Streetworker-Doku “Die Ausreißer – Der Weg zurück” beschäftigt. Reschke geht (zu Recht) kritisch ins Gericht mit der Sendung und zeigt einen Ausschnitt von der Verleihung des “Deutschen Fernsehpreises” im Jahr 2008, wo der unterirdischen Dokusoap auch noch ein Preis verliehen wird. Dumm nur, dass die ARD ja den Deutschen Fernsehpreis mit vergibt und die Verleihung 2008 sogar in einem öffentlich-rechtlichen Sender, dem ZDF nämlich, gezeigt wurde. Hier wollte man sich wohl nicht selbst ins Knie schießen – und strich die Passage.
* Nach dem Interview mit dem Produzenten Günter Stampf (“Die Schulermittler”), das in beiden Versionen vorkommt, gab es in der NDR-Fassung einen der wenigen selbstkritischen Sätze von Anja Reschke zu hören. Zitat: “Auch öffentlich-rechtliche Sender zeigten Interesse an diesen Erfolgsformaten. Inzwischen gibt es aber deutliche Absagen. ‘Scripted Reality’ findet bislang nur im Privatfernsehen statt – bislang.” Diese Passage wurde in der ARD-Fassung komplett gestrichen. Selbst dieser Ansatz von Reflektion war von den ARD-Oberen offenbar nicht gewollt.
Was auf der einen Seite fehlt, muss auf der anderen Seite natürlich neu hineingenommen werden.
* So besucht Reschke etwa in der überarbeiteten Fassung den ehemaligen Bundespostminister Christian Schwarz-Schilling (CDU), der im Jahr 1984 maßgeblich verantwortlich für die Einführung des privaten Fernsehens in Deutschland war. Reschke führt dem alten Mann auf einem Laptop genüsslich eine Folge “Mitten im Leben” vor. Nach dem Motto: Schauen Sie mal, was Sie mit der Einführung des kommerziellen Fernsehens angerichtet haben. Zudem moderiert sie die kleine Vorführung mit einer falschen Behauptung an: “Ich möchte Ihnen gern mal vorführen, was 30% der Jugendlichen – und zwar aller Jugendlichen – nachmittags gucken.” Das ist Nonsens: Der Marktanteil von 30% für “Mitten im Leben” bezieht sich nur auf die Jugendlichen, die zu dem Zeitpunkt Fernsehen gucken. Alle Jugendlichen, die die Kiste ausgeschaltet lassen (und das ist die große Mehrheit), sind da nicht mit einberechnet.

Schwarz-Schilling betont, dass er glaubwürdiges Fernsehen für notwendig hält, nennt dabei aber keine Sender. Reschke lässt deshalb direkt danach gleich den Satz los: “Je länger ich mich mit dem privaten Fernsehprogramm beschäftige, desto weniger glaube ich, was ich sehe.” Die Suggestion ist eindeutig.
* Reschke besucht des weiteren den medienpolitischen Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Wolfgang Börnsen. Auch ihn konfrontiert sie wieder mit Scripted Reality. Und es kommt schließlich von ihr die reichlich manipulative Frage: “Ist es das, was die Union sich vorgestellt hat, als der private Rundfunk eingeführt wurde?” Börnsen antwortet klar “Nein”. Auch hier ist wieder ersichtlich, was beabsichtigt ist: Nun schauen Sie sich mal an, lieber CDU-Politiker, was uns die Einführung des privaten Fernsehens beschert hat, nämlich nur Fälschungen und Lügen. Eingerahmt wird das Interview übrigens von der Melodie von “Ein Männlein steht im Walde” und Reschkes zynischem Kommentar: “Immerhin verspricht er uns, etwas zu tun. Bemerkenswert für die Union, die doch stets Förderer des Privatfernsehens war.” Börnsen soll wohl ein wenig als veralteter Trottel abgestempelt werden.

Reschke betont übrigens immer wieder den geringen Informationsanteil bei den privaten Sendern, verschweigt dabei aber natürlich, dass erst vor wenigen Tagen die Otto-Brenner-Stiftung in Zusammenarbeit mit netzwerk recherche festgestellt hat, dass Infotainment und Boulevard bei ARD und ZDF spürbar zunehmen. ARD-Programmdirektor Volker Herres sah sich umgehend genötigt, eine Pressemitteilung herauszugeben, in der er den Vorwurf zurückwies, der Informationsanteil im Ersten sei zurückgegangen. Die Otto-Brenner-Stiftung wiederum teilte kurz darauf in einer weiteren Pressemitteilung mit, dass sie dies gar nicht behauptet habe. Herres scheint geradezu panisch zu werden, wenn es um Kritik am Informationsprogramm der ARD geht. Allein deshalb wollte man wohl die Chance nutzen, mit der Reportage “Das Lügenfernsehen” von den eigenen Defiziten ein wenig abzulenken.
geschrieben am 08.07.2011 von Fernsehkritiker · 43 Kommentare Kommentar hinterlassenNanu, was planen denn da die Öffentlich-Rechtlichen schon wieder? ZDF-Intendant Markus Schächter hat nach Angaben der Financial Times Deutschland angekündigt, gemeinsam mit dem WDR eine kommerzielle Online-Videothek namens “Germany Gold” aufzubauen. Soll heißen: Inhalte von ARD und ZDF sollen im Netz zum Download angeboten werden – natürlich kostenpflichtig. ZDF und WDR sind da ganz schlau, andererseits aber auch leicht durchschaubar: Beide Sender haben mit ZDF Enterprises und WDR Mediagroup Tochterunternehmen gegründet, da sie selbst auf diese Weise kein Geld verdienen dürften. Aber warum dürfen es dann offizielle Tochterfirmen? Das Säckl, in welches das Geld fließt, ist doch am Ende das selbe.
Umso merkwürdiger ist noch, dass Schächter in bezug auf Informationsinhalte (also etwa die im Sommer startende “heute”-App) auf der gestrigen ZDF-Pressekonferenz klar betont hat, dass den Öffentlich-Rechtlichen ein Geld verdienen damit gesetzlich verboten ist (HIER in unserem YouTube-Kanal zu sehen). Aber warum gilt dann für fiktionale Inhalte und Unterhaltung etwas anderes? Bezahlt haben wir doch sowohl das eine als auch das andere von unseren Gebühren.
Schade, dass Schächter seinen Plan für “Germany Gold” nicht auf der Pressekonferenz kundtat. Ich hatte nämlich hinterher die Gelegenheit, ein kurzes Interview mit ihm zum Start des Senders “ZDF.kultur” zu führen (zu sehen in Folge 68). Selbstverständlich hätte ich ihn im Interview auch mit diesem Thema konfrontiert. Nun ja, die Antwort wäre vermutlich ohnehin unbefriedigend gewesen…

Am heutigen Tag hat mich eine bemerkenswerte Pressemitteilung erreicht. Darin geht es um die Gründung der “Deutschen Content Allianz”. Diese Allianz besteht unter anderem aus Filmwirtschaft, privaten TV-Sendern, dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels und dem Bundesverband Musikindustrie. Die Allianz fordert, wenn auch verklausuliert formuliert, einen effektiveren Kopierschutz und ein verschärftes Urheberrecht – angesichts einer angeblichen “Gratis-Kultur” im Internet. Über die Frage, ob wir das wirklich brauchen und ob die Rechtslage nicht auch jetzt schon so ist, dass das Klauen kreativer Ideen ausreichend genug bekämpft werden kann, könnte ich seitenlang philosophieren. Interessant ist auf jeden Fall, dass Vertreter der digitalen Welt selbst dem Bündnis nicht angehören – so als entstehe im Internet keine Kreativität, sondern dort nur bei den klassischen Medien geklaut würde. Dass die Tendenz eigentlich eher gegenteilig ist, also gerade das Netz ein Pool kreativer Menschen ist, verschweigt die Allianz.
Doch das soll gar nicht mein Thema sein. Die für mich viel entscheidendere Frage ist: Was haben ARD und ZDF in diesem Bündnis zu suchen? Die Öffentlich-Rechtlichen sind ein allgemeines Gut - so definieren sie sich selbst. Gern werden bildhafte Vergleiche gezogen wie: “Eine Straße muss auch von allen bezahlt werden, auch wenn sie nicht jeder benutzt.” Aha! Das bedeutet doch aber in bezug auf die Inhalte von ARD und ZDF: Wir alle haben diese Inhalte mit unseren Gebühren bereits finanziert, also gehören sie auch uns allen. Ich frage mich ernsthaft, wie die Öffentlich-Rechtlichen dazu kommen, sich in die Reihe derer einzureihen, die ihre Kreativität nur durch Profit finanzieren können und daher durchaus nachvollziehbar auch ein Interesse haben, geistiges Eigentum zu schützen. Die öffentlich-rechtlichen Sender dürfen keinen Profit machen – welches Interesse also haben ARD und ZDF, hier gemeinsam mit der kreativen Privatwirtschaft in ein Horn zu blasen? Ganz einfach: Sie ärgern sich darüber, dass Inhalte aus ihren Programmen im Netz auftauchen. Und sie ärgern sich noch mehr darüber, dass dies manchmal sogar kritisch kommentiert wird. Das kann ich aus deren Sicht sogar nachvollziehen – darf aber kein Grund sein, tatsächlich etwas für sich zu beanspruchen, was eigentlich allen gehört. Umso bemerkenswerter, dass die CDU/CSU sofort reflexartig die Forderungen der Allianz unterstützt, ohne aber die Allianz an sich in ihrer Zusammensetzung zu hinterfragen.
geschrieben am 13.04.2011 von Fernsehkritiker · 27 Kommentare Kommentar hinterlassenTja, so ist das manchmal: Da lobt der Simon von “Game One” noch in Folge 65 das 3Sat-Computermagazin “neues”, weil es auch gelegentlich und durchaus kompetent über Videospiele berichtet – und nun teilt 3Sat mit, dass “neues” im Sommer abgesetzt wird. Dies ist schon sehr ärgerlich, da “neues” das einzige Magazin ist, welches wöchentlich über die digitale Welt berichtet. Ärgerlicher wird es nur noch wegen der Begründung seitens 3SAT: “Die Zuschauerakzeptanz am Sonntagnachmittag ist gesunken.” Da ließe sich jetzt erstmal allgemein fragen: Ja, und? 3SAT ist ein öffentlich-rechtlicher Kultursender (so wird er zumindest immer gern bezeichnet von ARD und ZDF). Gilt dort also jetzt auch schon der Quotendruck? Und warum verlegt man das Magazin nicht auf einen attraktiveren Sendeplatz, um die Quoten zu verbessern anstatt es gleich abzusetzen? Dazu kommt auch hier wieder ein Phänomen, welches ARD und ZDF einfach noch nicht verinnerlicht haben: Natürlich schauen sich viele jüngere Zuschauer “neues” nicht vor dem klassischen Fernsehgerät sitzend an, sondern online in der Mediathek. Dass diese Zuschauer nach wie vor in die Quotenmessung der GfK nicht mit einfließen, kann doch nicht dazu führen, dass Programm für Jugendliche und junge Erwachsene (die nun mal zu einem gehörigen Anteil Fernsehen über ihren Computer und Mediatheken schauen) immer mehr aus dem TV-Programm geschmissen wird. Dazu kommt die offensichtliche Weigerung von ARD und ZDF anzuerkennen, dass zur Kultur auch digitales Kulturgut gehört, also etwa kreative Videospiele.
3SAT verspricht, digitale Themen würden nun vermehrt in das Vorabendmagazin “nano” einfließen – was aber eher wie eine halbgare Ausrede klingt. Der im Mai startende Kanal “ZDFkultur” will zudem angeblich ein neues Magazin namens “Pixelmacher” ins Programm nehmen. Verstehe ich das richtig? Man setzt ein Magazin wegen angeblich mangelnder Zuschauerakzeptanz ab, um ein anderes Magazin zu starten, was erwartungsgemäß dann noch viel weniger Zuschauer haben wird? Das ist öffentlich-rechtliche Logik.
Ich habe mich zwar auch mehrfach über “neues” geärgert (bei der Berichterstattung über den Grimme Online Award und den Deutschen Webvideopreis wurde Fernsehkritik-TV bewusst ignoriert), aber unterm Strich ist es ein wichtiges und vor allem etabliertes Magazin. Es existiert seit 1992 (bzw. seit 2000 unter dem Sendungstitel) und wurde 2008 mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet. Sowas schmeißt man nicht einfach aus dem Programm!
geschrieben am 29.03.2011 von Fernsehkritiker · 23 Kommentare Kommentar hinterlassenWas ich während meiner Zeit beim Norddeutschen Rundfunk immer wohlwollend zur Kenntnis genommen habe, war die geradezu pedantische Aufsicht darüber, dass Texte in ordnungsgemäßer Grammatik und ohne Rechtschreibfehler veröffentlicht werden. Artikel etwa für den Online-Auftritt des Senders wurden genauestens nachgelesen, bevor sie zur Veröffentlichung freigegeben wurden.
Umso mehr wundert mich, dass das Nachrichten-Laufband beim ebenfalls öffentlich-rechtlichen Sender PHOENIX offenbar so gut wie gar nicht kontrolliert wird. Ich weiß nicht, wer dort für die aktuellen Nachrichten zuständig ist – aber man sollte ihr oder ihm mal mehr auf die Finger schauen. Dass es mal einen Schreibfehler gibt oder sich bei einer nachträglichen Veränderung des Satzbaus ein Fehler einschleichen kann, ist menschlich und passiert mir ebenso. Aber dass solche Fehler stundenlang über den Sender gehen, ohne dass es irgendwem auffällt, ist schon erstaunlich.
Hier zwei Beispiele vom heutigen Morgen:


Dieses Beispiel ist von gestern Abend:

Wiederum vom heutigen Morgen sind die folgenden beiden Sätze, die zwar keinen Schreibfehler enthalten, aber dennoch im Zusammenhang irre wirken: “Der CDU-Generalsekretär sieht die Kanzlerin auch nach dem Abschneiden seiner Partei bei den Landtagswahlen fest im Sattel. In der ARD ging er zudem davon aus, dass ‘die Mehrheit’ der sieben abgeschalteten AKWs dies auch bleibe.” Was bleibt die Mehrheit der sieben abgeschalteten AKW? Fest im Sattel? Und übrigens: Streng genommen ist der Plural von AKW auch AKW, das s hinten dran hat da nichts zu suchen. Beim NDR zumindest hätte man mir das um die Ohren gehauen.

Ein besonders heftiger Fehler ist gestern der ARD passiert. In einer Grafik, die uns Moderator Jörg Schönenborn präsentierte, war Baden-Württemberg falsch geschrieben:

Nun ja, werden Sie sagen, das kann passieren. Und irgendwem wird der Fehler dann schon aufgefallen sein. Von wegen: Während dieser Fauxpas bereits kurz nach der 18-Uhr-Prognose zu sehen war, existierte er mehr als fünf Stunden später bei einer Spät-Analyse auf PHOENIX immer noch:

Ich frage mich wirklich, wie in solchen Redaktionen eigentlich gearbeitet wird – und ob es offenbar niemanden interessiert, was so über den Sender geht. Aber dies gilt ja auch mehr und mehr für die Programminhalte der Öffentlich-Rechtlichen an sich – insofern unterm Strich kaum erstaunlich.
Nicht ganz sicher bin ich mir übrigens, ob im folgenden Beispiel “anvisiert” korrekt ist oder ob es “avisiert” heißen muss. Meine Recherche dazu ließ mich hinterher umso verwirrter zurück.

Ich weiß immer gar nicht, ob ich entsetzt oder amüsiert darüber sein soll, wie sehr die ARD-Anstalten gelegentlich an sich selbst scheitern. Egal ob es um Sendeplätze geht oder um die Besetzung von Moderatoren: Selten hat es der Senderverbund geschafft, sich nicht selbst ein Bein zu stellen. Man denke nur an das zunächst fruchtlose Gezänk um Günther Jauch oder die mehrmals gescheiterte Zusammenarbeit mit Stefan Raab beim Eurovision Song Contest. Auch die Tatsache, dass tolle Spielfilme oft in Erstausstrahlung erst nachts laufen oder eine Top-Serie wie “Taras Welten” donnerstagnachts um zwei Uhr versteckt wird, hat letztendlich mit Starrsinnigkeit und der Unfähigkeit zur Lösung zu tun. Und nun gibt es wieder ein schönes Beispiel.
Angestachelt von der durchaus vorzeigbaren Entwicklung des Digitalsenders ZDF NEO hatte der SWR-Intendant Peter Boudgoust vor einigen Monaten die Idee, einen ähnlichen Kanal seitens der ARD zu formen. Der SWR selbst ist für den derzeit mehr oder minder sinnlos dahin dümpelnden Mini-Sender EINS PLUS zuständig. Um EINS PLUS aber in einen schlagkräftigen Kanal umzuwandeln, fehlt es angeblich an Geld. Also war die Idee: Eine Zusammenlegung mit dem Digitalsender EINS FESTIVAL, der wiederum vom WDR betreut wird, wäre doch eine gute Idee. EINS FESTIVAL richtet sich mit kleinen Formaten wie etwa “Coldmirror” eh schon in Teilen an die jüngere Zielgruppe.
Nach Monaten der Diskussion ist der Fusionsplan nach Angaben der “Berliner Zeitung” nun gescheitert. Größte Bremse hierbei war offenbar WDR-Intendantin Monika Piel, die einen Kanal für eher intelligente Jugendliche und junge Erwachsene als sinnlos erachtet. Ihr Argument: Die Jugend ist mit Fernsehen eh nicht mehr zu locken, Zuschauer bekommen solche kleinen Sender eher in der Zielgruppe der 30- bis 50-Jährigen. Es stimmt, dass Jugendliche sich solche Sendungen tatsächlich lieber im Internet als auf der Mattscheibe angucken – wie ja Coldmirror selbst im Interview mit Fernsehkritik-TV bestätigte: Von ihren mehreren hunderttausend Fans schauen lediglich 20.000 bis 30.000 die kleine Show direkt bei EINS FESTIVAL. Aber da fragt man sich doch: Ja, und? In welchem Denken verharrt Frau Piel denn, wenn sie nach wie vor ausschließlich die Einschaltquoten im Fernsehen selbst als Maß aller Dinge nimmt? Und wieso überhaupt Quoten: Sind jetzt Jugendliche also gar nicht mehr interessant für die ARD? Darf es also nicht einmal einen Jugendkanal geben? Zählen nur die geburtenstarken Jahrgänge als Zuschauer? Das ist ja ein schlimmeres Denken als das Zielgruppen-Denken bei den Privaten.
ZDF NEO hat sich, nach einer auch von mir kritisierten belanglosen Anfangsphase, inzwischen zu einem interessanten Sender entwickelt, der neue Formate ausprobiert und das ZDF erfrischend anders zeigt. Die ARD hingegen scheitert wieder mal an ihren eigenen Strukturen. Und dafür zahlen wir ab 2013 alle – ohne uns dagegen wehren zu können.
geschrieben am 11.03.2011 von Fernsehkritiker · 19 Kommentare Kommentar hinterlassen
Kennen Sie diesen Mann? Das ist Nils Schmid, Spitzenkandidat der baden-württembergischen SPD. Keine Sorge, wenn Sie ihn nicht kennen: Er wird sowieso keinen Blumentopf gewinnen bei der Landtagswahl am 27. März. Derzeitigen Umfragen zufolge liegt die SPD bei mageren 20% – sollte es zu einem Regierungswechsel im Ländle kommen, werden die Grünen, die derzeit bei 27% liegen, den Ministerpräsidenten stellen. Hierfür kandidiert der sehr viel bekanntere grüne Politiker Winfried Kretschmann. Wer also nach der Wahl Regierungschef in Baden-Württemberg wird, entscheidet sich zwischen Kretschmann und dem derzeitigen Amtsinhaber Stefan Mappus (CDU). Alle anderen Annahmen wären absurd. Jüngste Umfragen sehen Grün-Rot bei 47% und Schwarz-Gelb bei 45% – wobei die FDP bei 5% herumdümpelt, deren Einzug in den Landtag also nicht mal sicher ist.
Umso erstaunter ist nun die Öffentlichkeit, dass der Südwestrundfunk (SWR) am 16. März ein Fernsehduell ausstrahlen wird – und zwar zwischen Mappus und Herrn Schmid von der SPD. Kretschmann bleibt außen vor – obwohl er doch derzeit am wahrscheinlichsten künftig der Ministerpräsident sein wird. Der SWR hatte zuvor die Idee, alle drei Spitzenkandidaten einzuladen – was Mappus aber ablehnte, da er es als unfair empfand, sich zwei Herausforderern zugleich stellen zu müssen. Die SPD selbst will natürlich nicht verzichten – denn dieses Duell ist eine der wenigen Gelegenheiten für den blassen Herrn Schmid, sich mal ein bisschen zu profilieren. Aber das kann ja kein Argument sein: Schmid hat null Chance auf das Amt des Ministerpräsidenten – also hat er auch in einem solchen Duell nichts zu suchen.
Der SWR redet sich nun mit dem Argument heraus, dass die SPD ja schließlich bei der derzeitigen Sitzverteilung im Stuttgarter Landtag die stärkste Oppositionspartei sei. Somit gelte Schmid nun mal auch als Oppositionsführer – allen Umfragen zum Trotz. Dies sei angeblich sogar eine “rechtliche” Entscheidung, denn bedeutsam seien ja schließlich Ergebnisse vergangener Wahlen und nicht “Umfragetrends”. Als kleinen Ausgleich wolle man Winfried Kretschmann aber am 17. März bei einer Gesprächssendung mehr Sendezeit einräumen als den anderen Kandidaten.
Komisch nur, dass ARD und ZDF bei jeder Gelegenheit Umfragen zur Grundlage ihrer Berichterstattung machen und sogar selbst welche in Auftrag geben. Und nun plötzlich sollen die nicht mehr bedeutsam sein? Der Hase liegt natürlich woanders begraben: Die SPD hat viel Einfluss im SWR, nicht zuletzt durch ihre absolute Mehrheit im ebenfalls im Sendegebiet liegenden Rheinland-Pfalz und den langjährigen Ministerpräsidenten Kurt Beck. Klar, dass man einer Ausladung von Herrn… wie hieß er?… Schmid niemals zustimmen würde. Eine allzu durchsichtige Schmierenkomödie, die die Zuschauerinnen und Zuschauer im Ländle mit ihren Gebühren auch noch bezahlen.
geschrieben am 02.02.2011 von Fernsehkritiker · 31 Kommentare Kommentar hinterlassenWissen Sie, was eine echte Perle ist? Das ist ein Film oder eine Serie, wo es sich für den Zuschauer besonders lohnt, mal einen Blick drauf zu werfen. Eine solch wunderbare Serienperle ist etwa “United States Of Tara”, in den USA bereits mit einem Emmy und einem Golden Globe prämiert. Regie führte unter anderem niemand geringerer als Star-Regisseur Steven Spielberg. Für Hauptdarstellerin Toni Collette ist die Serie eine echte Herausforderung, denn sie spielt darin eine Hausfrau, die unter Stress plötzlich ihre Identität wechselt, mal wird sie zu einem Teenager, mal zur Spießerin und auch zwischendruch schon mal zur versauten Sexbombe.
Dass diese in den Staaten sehr erfolgreiche Produktion nun unter dem Titel “Taras Welten” nach Deutschland kommt, ist sehr erfreulich. Schade nur, dass ausgerechnet die ARD die Rechte erworben hat, denn sie betrachtet die Serie wohl allzu sehr als Perle und hat sie deshalb gut versteckt: In Doppelfolgen laufen die erste und die zweite Staffel jeweils donnerstagnachts. Los geht es mit der ersten Folge am 3. März um 2:05 Uhr. Auf Nachfrage wird mitgeteilt, einen anderen Sendeplatz gebe es im Ersten für ein solches Format nun mal nicht. Tja – vielleicht wäre es dann klüger gewesen, gar nicht erst unsere Gebührengelder dafür auszugeben?
geschrieben am 20.01.2011 von Fernsehkritiker · 47 Kommentare Kommentar hinterlassen
Monika Piel ist seit 1. Januar nicht mehr nur Intendantin des Westdeutschen Rundfunks, sondern obendrein auch noch ARD-Vorsitzende. Die Frau, die mehr Gehalt bezieht als der Bundespräsident, hat anlässlich dessen der TAZ ein Interview gegeben. Es ist schon interessant, wie sehr sie sich in allgemeine Formulierungen flüchtet und unterm Strich im Grunde eines deutlich werden lässt: An den Inhalten und Strukturen der öffentlich-rechtlichen Sender wird nichts geändert, alles bleibt so wie es ist.
Kritik an einem künftigen Überangebot von rituellen Talkrunden im ersten Programm bügelt sie ab mit dem Satz “Medienjournalisten sehen das Programm anders als glücklicherweise das Publikum”. Schließlich seien ja die Quoten gut. Allein dieser Satz zeigt, dass “Emma Piel” lieber jede Kritik mit einem verbalen Karateschlag weghaut anstatt sich damit mal auseinanderzusetzen. Die Quote – sie gilt der ARD-Chefin als das Maß aller Dinge, und sie spricht auch bereits dem teuer eingekauften Günther Jauch die erste Drohung aus. Zugleich jammert sie über angeblich knappe Kassen und dass der WDR pro Jahr mindestens 50 Millionen Euro einsparen müsse. Wie es zu einer solchen Finanzsituation kam (sofern sie überhaupt stimmt), sagt sie natürlich nicht. Bei Frau Piel gilt: Wir geben das Geld mit vollen Händen aus und wenn dann nichts mehr da ist, dann heulen wir öffentlich herum und fordern eine Gebührenerhöhung. Und die kommt ja auch, denn ab 2013 werden ARD und ZDF deutlich mehr Einnahmen haben, was Frau Piel auch hier wieder bestreitet: “Wir hoffen, dass wir weiter ungefähr soviel an Beiträgen hereinbekommen wie 2009.” Interessant ist, dass sie offenbar Angst vor den 16 Länderparlamenten hat, die ja alle noch dem neuen Gebührenmodell zustimmen müssen: “Bei den vielen Wahlen, die anstehen, dürfte der ein oder andere Politiker auf die Idee kommen, das Thema Gebühr populistisch zu nutzen.” Klar, sobald die Zwangsgebühr – und anders kann man das ab 2013 ja nicht mehr bezeichnen – kritisiert wird, geschieht dies nur aus populistischen Gründen. Warum hat denn nicht eine der vielen Talkrunden im Ersten mal dies zum Thema gemacht? ARD und ZDF vermeiden jegliche Diskussion um das neue Modell – und dann wird Kritik daran als Populismus abgestempelt. Unfassbar!
Mindestens genauso entlarvend ist das Interview, das Frau Piel dem “Tagesspiegel” gegeben hat. Das geht schon bei der Behauptung los, dass “alle Hartz-IV-Empfänger” von der Rundfunkgebühr befreit seien – was so nicht stimmt! Immerhin gesteht sie “Taubblinden” zu, dass diese sich “auf Antrag” gern von der GEZ-Gebühr befreien lassen können – als wenn ein blinder und zugleich tauber Mensch überhaupt in irgendeiner Weise Radio und Fernsehen nutzen könne. Und: Im “Tagesspiegel”-Interview sagt sie plötzlich, dass sie nicht wisse, ob das neue Gebührenmodell mehr Geld in die Kassen bringe – wo sie dies gegenüber der TAZ noch ausgeschlossen hatte… Und dass sie auch noch in Erwägung zieht, eventuell Geld zu nehmen für öffentlich-rechtliche Apps, zieht sogar Stefan Niggemeier die Schuhe aus.
So, genug geärgert! Als kleine Auflockerung zum Ende noch etwas, was ich im Fundus meiner Eltern gefunden habe: einen Informationstext zur Rundfunk- und Fernsehgebühr aus dem Jahr 1960. Damals brauchte man offenbar noch eine Genehmigung, um einen Fernseher oder ein Radio zu benutzen – der Spaß kostete fünf D-Mark im Monat…


