Ich wundere mich derzeit doch sehr über so manche Debatten, die über das öffentlich-rechtliche Fernsehen geführt werden. Seit längerer Zeit wird zwischen einigen Verlagen und ARD und ZDF ein peinliches Gezanke veranstaltet, das mit dem mimosenhaften Brief von SWR-Intendant Peter Boudgoust an FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher einen weiteren Höhepunkt erreicht hat. Meiner Meinung nach übertreiben in der Debatte um den sogenannten Drei-Stufen-Test beide Seiten. Die auf Druck der Medienkonzerne gemachten Auflagen an die Öffentlich-Rechtlichen, produzierte TV-Inhalte rasch wieder aus dem Internet zu werfen, halte ich für dummes Zeug – was für ein grandioses Recherche-Instrument wäre es doch, zum Beispiel alle “Tagesschau”-Ausgaben oder mit Gebührengeldern produzierte Dokumentationen online zu stellen? Genauso wäre es wunderbar, alte Polit-Talkshows anzuschauen – nicht nur aus historischen Gründen, sondern auch um sich ein Bild darüber zu machen, politische Thesen und Themen von damals mit dem Wissen von heute abzugleichen. All das wird nicht mehr möglich sein – wobei ARD und ZDF dies aber auch nie wirklich geplant haben. Damit bin ich dann auch bei der Kritik an den Öffentlich-Rechtlichen: Denn wie ich ja etwa anhand meines Mail-Verkehrs mit der ZDF-Pressestelle im Zusammenhang mit dem Auftritt von Jürgen Milski im “ZDF-Fernsehgarten” darlegen konnte, sind die Öffentlich-Rechtlichen zur Selbstkritik nicht mehr fähig, sondern empfinden es als Majestätsbeleidigung, wenn man ihr Programm kritisiert.

Was mich jedoch am meisten erstaunt ist: Für die Online-Angebote von ARD und ZDF gibt es einen Drei-Stufen-Test, warum gibt es den nicht auch fürs TV-Programm? Jede im öffentlich-rechtlichen Fernsehen geplante Sendung müsste zunächst diese drei Stufen durchlaufen:

1. Trägt die Sendung zur Bildung oder zum kulturellen Mehrwert bei?

2. Hebt die Sendung sich inhaltlich von den Angeboten der privaten Konkurrenz ab?

3. Trägt die Sendung zur positiven gesellschaftlichen Entwicklung bei?

Natürlich müsste über die Beantwortung der Fragen ein unabhängiges Gremium entscheiden und nicht der eigene Rundfunkrat (wie ja kurioserweise im Falle des vorliegenden Drei-Stufen-Tests für Online-Angebote). Dabei müsste eine Sendung gar nicht unbedingt alle drei Stufen positiv durchlaufen – selbst eine Stufe wäre schon viel wert und würde Unterhaltungs-Abfall wie die am Sonntag gezeigte Ausgabe des “ZDF-Fernsehgartens” verhindern.

geschrieben am 26.07.2010 von Fernsehkritiker ·   28 Kommentare Kommentar hinterlassen

Das ZDF hat am Freitag eine Pressemitteilung herumgeschickt, die derart selbstzufrieden und kritikresistent daher kommt, dass es an dieser Stelle eines Kommentars bedarf. Nehmen wir uns die einzelnen Absätze doch mal nacheinander vor (fett gedruckte Passagen sind original ZDF-Pressetext):

Vielfalt mit hohem Informationsanteil

Bilanz der Selbstverpflichtungserklärung im ZDF-Fernsehrat

Das ZDF hat seine Programme in den zurückliegenden beiden Jahren unverändert auf Vielfalt ausgerichtet. Zu dieser Bewertung kam ZDF-Intendant Markus Schächter in einer Bilanz der Selbstverpflichtungserklärung des Senders in der jüngsten Fernsehratssitzung.

Vielfalt ist ein schönes Wort – und es ist vor allem so frei definierbar. Die niveau- und hirnlosen Teile des ZDF-Programms werden damit clever gerechtfertigt. Nach dem Motto: Ein öffentlich-rechtliches Programm muss jeden bedienen – auch die vermeintlich dummen Zuschauer (zu deren Bildung man somit aber in keiner Weise beiträgt).

Nach wie vor weise das ZDF-Hauptprogramm einen 50-prozentigen Informationsanteil und der Kulturkanal 3sat, für den das ZDF federführend ist, einen 70-prozentigen Kulturanteil auf.

Herr Schächter scheint das Wort “Information” sehr allgemein zu fassen, ansonsten ist es mir schleierhaft, wie er auf 50% kommt. Sind Zoo-Dokus Informationssendungen? Ist “Küchenschlacht” eine Informationssendung? Und überhaupt: Information ist ja nicht gleich Information, hier sollte Qualität doch wohl vor Quantität gehen. Zur Qualität äußert sich der Intendant aber nicht. Und was die Kultur angeht, muss dann jetzt schon 3SAT als Argument herhalten – einen deutlicheren Offenbarungseid seitens des ZDF als diesen kann es wohl kaum geben.

Zugleich sei das ZDF-Hauptprogramm eines der meistgenutzten Fernsehangebote im deutschen Markt geblieben. “Ein facettenreiches Programm kommt bei den Menschen an”, sagte Schächter. Das ZDF setze deshalb auch in Zukunft auf ein vielfältiges, profiliertes und gemeinwohlorientiertes Qualitätsprogramm.

Bei welchen Menschen kommt das Programm an? Schächter verschweigt einfach, dass vor allem jüngere Zuschauer sich mit Grausen vom ZDF abwenden. Und dass das ZDF-Hauptprogramm zu den “meistgenutzten Fernsehangeboten” gehört, sollte doch wohl eine Selbstverständlichkeit sein – etwas anderes wäre bei 1,73 Milliarden Euro Etat im Jahr wohl auch merkwürdig. Übrigens bezieht sich auch diese Aussage Schächters im Wesentlichen wieder vor allem auf die Generation 60 plus.

In den vergangenen beiden Jahren, für die nun Programmbilanz gezogen wurde, habe das ZDF in seinen Sendungen Trends der Informationsvermittlung im Fernsehen gesetzt, erläuterte Schächter. Dazu gehöre die größte Bandbreite an Dokumentations-, Gesprächs- und Live-Sendungen vor Wahlen, neuartige Politiker-Casting-Sendungen und interaktive Diskussions-Formate für TV und Internet.

Trends der Informationsvermittlung? Ist das tatsächlich so? Interessant, hier explizit eine “Politiker-Casting-Sendung” als Beispiel zu nennen. Gemeint ist vermutlich die Show “Ich kann Kanzler” (siehe Folge 31), die aber für junge Leute eher abschreckenden als mitreißenden Charakter hatte. Live-Sendungen vor Wahlen gab es übrigens auch vor Jahrzehnten schon im deutschen Fernsehen – und damals noch mit echten “Elefantenrunden” der Spitzenpolitiker. Im Wahlkampf 2009 unterhielten sich die Bundeskanzlerin und ihr Vize-Kanzler miteinander, aber nicht mit der Opposition. Wenn das der Trend der Zukunft ist, dann herzlichen Dank!

Solche Formate sollten insbesondere die Seh- und Kommunikationsgewohnheiten jüngerer Zuschauer aufgreifen. Diese Gruppe für politische Information im Fernsehen zu interessieren, werde eine vorrangige Aufgabe auch für die nächsten Jahre bleiben, sagte der ZDF-Intendant.

Ja, dann würde ich langsam mal damit anfangen…

Modernisierungsschübe habe es aber auch bei Unterhaltungsformaten (etwa mit der Nachrichtensatire “heute-Show”), neuen Kinderserien und -filmen (wie “H2O” und “Hände weg von Mississippi”) oder so genannten “Factual Entertainment”-Programmen (“Der Straßenchor”) gegeben. In seiner Formatarbeit und -entwicklung habe das ZDF die Formensprache des Fernsehens weiterentwickelt, so beispielsweise mit den Erklärgrafiken im neuen Nachrichtenstudio.

“Hände weg von Mississippi” ist in der Tat ein hübscher Film von Detlev Buck. Gedreht wurde er allerdings 2007. Und laut Pressemitteilung geht es hier doch um die vergangenen zwei Jahre. Oder will uns das ZDF etwa sagen, dass in den vergangenen zwei Jahren keine gescheiten Kinderfilme zustande gebracht hat, um soweit zurück ins Archiv greifen zu müssen? Mit “Factual Entertainment” ist übrigens nicht weiter als Dokusoaps gemeint. Diese sind keine Erfindung des ZDF, sondern eine aus finanzieller Knappheit heraus gefundene Lösung der kommerziellen Sender. Dass das ZDF sich nun solcher Formate rühmt (trotz einem nach wie vor fetten Jahresetat) ist schon bemerkenswert. Übrigens lief “Der Straßenchor” auf ZDF NEO.

Die Verschmelzung mit dem Netz mache das Fernsehen “rückkanalfähig” und damit zu einem Dialog-Medium, erklärte Schächter. Deshalb habe das ZDF verstärkt entsprechende Möglichkeiten sozialer Kommunikation in seine Programmarbeit einbezogen. Neben Chats und Foren umfasse dies auch Möglichkeiten für den Zuschauer, Angebotsinhalte des ZDF mit zu gestalten und durch eigene Beiträge zu bereichern.

Aber wehe, es wird allzu kritisch (wie im Falle des Forum-Threads über das neue ZDF-Nachrichtenstudio) – schon wird die Diskussion geschlossen. Im Übrigen gibt es im Internet unzählige Möglichkeiten, in Foren und Chats miteinander zu kommunizieren. Das ZDF betont hier etwas im Grunde Selbstverständliches.

Obwohl die Digitalisierung der Medienlandschaft eine Angebotsvermehrung und eine fortlaufende Segmentierung der Mediennutzung sowie Fragmentierung des deutschen Fernsehmarktes mit sich bringe, hätten sich die öffentlich-rechtlichen Anbieter in Deutschland im wachsenden Wettbewerbsdruck gut behauptet.

Warum soll die Digitalisierung der Medienlandschaft derartige Konsequenzen haben? Niemand verlangt von den Öffentlich-Rechtlichen, dass sie digitale Mini-Sender ins Leben rufen. Ein qualitativ hochwertiges ZDF-Hauptprogramm wäre den Zuschauern sicher viel lieber als die unnütze Verplemperung von Gebührengeldern. Und dass es einen “Wettbewerbsdruck” gibt, das redet sich das ZDF tagtäglich aufs Neue selbst ein. Warum besteht es denn partout darauf, auch nach der Gebührenreform im Jahr 2013 weiterhin Werbung und Sponsoring im Programm haben zu wollen? Warum schielt es denn jeden Tag wie besessen auf die Quote, obwohl die Gebühren eigentlich ja ihrem Sinn nach jenseits von Kommerz und Quote gezahlt werden sollen? Niemand verlangt dies, das ZDF macht sich den Druck einfach selbst.

Das belege ihr gemeinsamer Marktanteil (44,2 Prozent im Jahr 2008, 43,5 Prozent im vergangenen Jahr). Im europäischen Vergleich stehe das deutsche öffentlich-rechtliche Fernsehen an der Spitze der Publikumsgunst.

Auch hier wird wieder der berühmte Taschenspielertrick mit den Zahlen  angewandt. Die Marktanteile wurden ja künstlich nach oben gepusht, indem ganz bewusst auf die geburtenstarken älteren Jahrgänge gesetzt wurde. Aber angeblich zeichnet das ZDF-Programm ja vor allem Vielfalt aus.

Was in der Pressemitteilung vor allem komplett fehlt, ist die Selbstkritik. Öffentlich-rechtliches Fernsehen muss sich doch auch mal selbst hinterfragen, muss über sich nachdenken und sich vor allem täglich seiner gesellschaftlichen Aufgaben bewusst sein. Nichts davon: Intendant Schächter setzt sich seine Scheuklappen auf und malt sich in eine Fernsehwelt, wie wir sie auch regelmäßig in den Heimatschmonzetten des Senders zu sehen bekommen. Erbärmlich!

geschrieben am 26.06.2010 von Fernsehkritiker ·   33 Kommentare Kommentar hinterlassen

Schon mehrmals habe ich meine Meinung zur “Mini-Stasi” GEZ deutlich geäußert. Die Idee einer Pauschale für jeden Haushalt halte ich deshalb zunächst grundsätzlich für richtig und notwendig.

Und dennoch ist das, was da heute von den Ministerpräsidenten beschlossen wurde, halbherziger Murks – aber das war ja auch ehrlicherweise nicht anders zu erwarten:

1.) Die stolze Verkündigung vom rheinland-pfälzischen Regierungschef Kurt Beck (er koordiniert auch zugleich die Medienpolitik der Länder), die Pauschale werde “vorerst nicht höher sein” als die momentan monatlich zu zahlenden 17,98 Euro, ist skandalös. Noch im Januar hatte der medienpolitische Sprecher der FDP, Burkhardt Müller-Sönksen, in einem Interview mit Welt Online erklärt, dass die geplante Medienabgabe um die 10 Euro betragen solle. Und das ist ja auch vollkommen richtig, denn die Abgabe soll ja nicht dazu da sein, damit ARD und ZDF sich die Taschen vollstopfen. Doch genau das wäre bei einer Pauschale von 17,98 Euro der Fall. Da durch dieses neue Modell sehr viel mehr Haushalte zahlen als bisher, erhöht sich das jährliche Gebührenaufkommen von 7,26 Milliarden auf 8,65 Milliarden Euro. Die Öffentlich-Rechtlichen füllen also somit ihre Kasse um stattliche 1,39 Milliarden Euro auf. Hinzu kommt obendrein noch, dass auch Unternehmen künftig zahlen sollen – ein weiterer Batzen Knete!

2.) Das neue Gebührenmodell soll im Jahr 2013 in Kraft treten. Da fragt man sich: Warum muss das so lange dauern? Wenn der Staat Steuern erhöht oder sonstige Umstrukturierungen vornimmt, nimmt das nie solche Zeit in Anspruch. Hier hingegen lässt man sich eine Menge Zeit. Gerade im Hinblick auf die derzeitigen Spardiskussionen wäre eine rasche Umstellung auch für den Staat von Vorteil: Durch die Abschaffung der GEZ (die dann hoffentlich kommen wird), spart der Staat jährlich rund 164 Millionen Euro, denn die Gehälter für die über 1000 Mitarbeiter der GEZ sowie sonstige Kosten für die Behörde würden eingespart. Künftig kann ja jeder Haushalt durch einen einfachen Blick ins Einwohner-Melderegister erfasst werden, was eine enorme bürokratische Erleichterung bedeutet.

3.) Das Modell des Verfassungsrechtlers Paul Kirchhof sah mit der Einführung der Pauschale zugleich ein komplettes Werbe- und Sponsoringverbot bei ARD und ZDF vor. Davon ist nun keine Rede mehr. Stattdessen soll ab 2013 lediglich nach 20 Uhr auf Sponsoring verzichtet werden – und dies sogar noch mit einer Ausnahmeregelung für große Sportereignisse. Ein Witz! Die Öffentlich-Rechtlichen müssen komplett werbefrei werden, denn vor allem zu den Zeiten, wo sie Werbung schalten dürfen, senden ARD und ZDF derzeit das niveauloseste Programm.

4.) Zu einem Punkt wurde überhaupt keine Stellung genommen: zu den Inhalten! Die Öffentlich-Rechtlichen dürfen ihren Niveauverfall, ihren Wettbewerb in der Präsentation von Oberflächlichkeiten mit den privaten Sendern munter fortsetzen. Dabei wäre gerade jetzt die Chance für die Politik, ARD und ZDF strengere Vorgaben zu machen, bis zu welcher Untergrenze eine Sendung dem öffentlich-rechtlichen Informations-, Bildungs- und Kulturauftrag entspricht. Wir werden also auch über 2013 hinaus vermutlich nicht von Daily Soaps, Schmalzfilmen und anderem hirnlosen Krams bei ARD und ZDF verschont. Und künftig kann sich sogar NIEMAND mehr dagegen wehren!

Als Fazit lässt sich sagen: Dass die GEZ womöglich bald dicht gemacht wird (ich mache gern als Letzter das Licht aus), ist ein schöner Gedanke. Aber die Öffentlich-Rechtlichen bedürfen auch auf anderer Ebene einer Reform – nicht nur bei der Frage, wie die Gebühren eingezogen werden. Dies wäre mal eine gute Chance für die gebeutelte FDP gewesen, Profil zu zeigen – denn deren Vorschläge waren weitaus vernünftiger als das was jetzt in verwässerter Form vorliegt.

geschrieben am 09.06.2010 von Fernsehkritiker ·   130 Kommentare Kommentar hinterlassen

Sind Sie auch so langsam im Song-Contest-Fieber? Nachdem am Dienstag bereits das 1. Semifinale im NDR-Fernsehen ausgestrahlt wurde, läuft heute um 21 Uhr das 2. Semifinale – nur diesmal leider nicht im NDR-Fernsehen! Viele ESC-Fans schauen in die Röhre – vor allem dann, wenn sie nicht den digitalen Sender EINS FESTIVAL empfangen können (und das sind viele), denn dort wird das Ereignis live gezeigt. Der NDR erbarmt sich stattdessen, die Show zeitversetzt um 0:55 Uhr auszustrahlen – nur wer schaut um die Uhrzeit noch zu? Immerhin: NDR Online überträgt das Ereignis live im Netz – aber dann ist doch umso mehr die Frage zu stellen, warum das NDR-Fernsehen sich verweigert.

Begründet wird diese zuschauerfeindliche Maßnahme damit, dass diesmal, im Gegensatz zum ersten Halbfinale, deutsche Zuschauer nicht mitvoten können. Der NDR meint, deshalb schaue nur eine “verhältnismäßig kleine Zuschauergruppe” zu. Aber ist das tatsächlich so? Schalten die Zuschauer nur ein, wenn Sie auch mitstimmen dürfen? Kann es nicht sein, dass die Zuschauer einfach nur die Show gucken wollen, um zu sehen, welche (teils skurrilen) Gruppen andere Länder so ins Rennen schicken? Außerdem: Selbst wenn nur eine kleine Gruppe Zuschauer zuschauen würde, wäre dies für ein öffentlich-rechtliches drittes Programm trotzdem keine Begründung.

Der NDR hat endlich mal wieder einen richtigen Hype (namens Lena) im Gepäck – und agiert derart ungeschickt. Wie kann man freiwillig auf eine derart große Show im Programm verzichten und stattdessen alte Dokus und verstaubte Fernsehfilme zeigen?

geschrieben am 27.05.2010 von Fernsehkritiker ·   31 Kommentare Kommentar hinterlassen

Bernd Neumann ist CDU-Politiker, vor allem ist er Staatsminister für Kultur im Bundeskanzleramt. Eigentlich sollte man von diesem Mann ja erwarten, dass er schon von Amts wegen ein besonderer Kämpfer für Kultur ist. Doch weit gefehlt! Im Interview mit dem “Weser-Kurier” schlägt Neumann doch tatsächlich vor, man könne die finanzielle Verteilung der Gebühren bei ARD und ZDF nach den Zuschauerzahlen ausrichten, “also die Gebühren auch ein Stück kompetitiv machen” (kompetitiv = wettbewerbsfähig). Zwar spricht er sich zugleich für ein Verbot von Werbung und Sponsoring bei den Öffentlich-Rechtlichen aus, aber was soll denn dieser Vorschlag mit der Gebührenverteilung nach Quoten bringen? Dies würde doch dazu führen, dass man den Effekt, den man durch die Abschaffung von Werbung erzielen will, erst recht nicht erzielt: nämlich ein Programm unabhängig von Quotendruck zu machen. ARD und ZDF übertreiben es ja schon jetzt etwa mit ihren Heimatschmonzetten, weil sie damit die geburtenstarken Zuschauer über 60 vor die Glotze locken und so vermeintlich tolle Quoten erzielen (wenn man sich den Anteil der Zuschauer unter 60 anschaut, sieht das dann schon anders aus). Dies würde sich dann noch verschlimmern. Vor allem wäre dies endgültig der Todesstoß für anspruchsvolle Kulturprogramme – erstaunlich, welch ein Verständnis ein Kulturstaatsminister von seiner eigenen politischen Aufgabe zu haben scheint…

geschrieben am 25.05.2010 von Fernsehkritiker ·   18 Kommentare Kommentar hinterlassen

Um eines gleich vorweg zu betonen: Ich mag Jan Böhmermann. Ich denke, er ist eines der kommenden vielversprechenden TV-Talente und ich hoffe, dass das Fernsehen seinen Wert zu schätzen weiß. Schon allein, dass er diese unsägliche Sarah Wagenknecht mal ordentlich verarscht hat, macht ihn unheimlich sympathisch.

Radio macht der Jan auch – zum Beispiel die “Lateline”, die bei diversen Radiowellen (N-JOY, MDR SPUTNIK etc.) spätabends gesendet wird. Das ist so eine Art “Domian”-Talk, nur ein bisschen jugendorientierter und lockerer. Das Thema am Donnerstagabend war nun die ARD an sich – und es riefen zahlreiche Hörer an, die sich mal negativer, mal positiver über die ARD äußerten. An einem gewissen Punkt trieb es auch mich, zum Hörer zu greifen – und obwohl der Andrang groß war, kam ich tatsächlich durch. Es war inzwischen zehn Minuten vor Schluss der Sendung, als ich ins Studio durchgestellt wurde.

Das Gespräch verlief leider nicht so, wie ich wollte. Mein Hinweis, dass ich damals vom NDR gefeuert wurde wegen “Dafür zahl’ ich nicht”, sollte eigentlich nur eine Erwähnung sein, um mit offenen Karten zu spielen und klarzustellen wer ich bin. Stattdessen wurde es vier Minuten lang zum Thema – und dann war das Gespräch schon wieder vorbei. Schade, denn ich hätte doch noch so viel zu sagen gehabt.

Sie können sich die Audio-Datei des Gespräches HIER downloaden – viel Vergnügen!

geschrieben am 21.05.2010 von Fernsehkritiker ·   51 Kommentare Kommentar hinterlassen

Wofür zahlen wir jeden Monat unsere Gebühren? Richtig: um ein Programm unabhängig von Kommerz und Quote zu bekommen. Das mit dem Kommerz ist schon längst durchlöchert – denn wenn man sich anschaut, wie viel versteckte Werbung und wie viel Sponsoring mittlerweile in ARD und ZDF platziert sind, dann kann davon sicher keine Rede mehr sein. Doch auch beim Thema Quote verstoßen die Öffentlich-Rechtlichen jetzt immer öfter gegen ihre festgeschriebenen Grundsätze.

Heute, am Dienstagabend um 20:15 Uhr, sollte der dritte und letzte Teil der Dokumentation “Windstärke 9 – Höllenritt der Hochseefischer” im ZDF laufen. Das ZDF hat die Sendung kurzfristig aus dem Programm gekippt und zeigt stattdessen eine alte Folge der Krimiserie “Die Rosenheim-Cops”. Die angekündigte Dokumentation läuft nun in der Nacht um 0:20 Uhr. Der Grund für diese Maßnahme liegt auf der Hand: Der erste Teil hatte keine dollen Quoten. Schon beim zweiten Teil am vergangenen Dienstag ging man deshalb im Zweiten rabiat vor: Es wurde eine Sondersendung “Was nun, Herr Westerwelle?” ins Programm genommen und die Doku entsprechend um 20 Minuten gekürzt anstatt sie einfach später beginnen zu lassen.

Das ZDF dreht im Mai mächtig am Rad, denn der April hatte dem Sender den schwächsten Marktanteil seiner Geschichte beschert. Natürlich sollen die Öffentlich-Rechtlichen kein Programm für Minderheiten machen, aber es kann doch nicht ernsthaft sein, dass eine von Gebührengeldern aufwendig produzierte Dokumentation einfach aus dem Programm gekippt und stattdessen eine x-beliebige Wiederholung einer belanglosen Krimiserie gezeigt wird. Meint das ZDF denn wirklich, die eigene Haut durch solche zuschauerfeindlichen Maßnahmen retten zu können? Glauben die Verantwortlichen im Zweiten, mit Kurzschlussreaktionen das eigene Image verbessern zu können? Im Übrigen: Im Juni und Juli werden ARD und ZDF aufgrund der Fußball-WM wieder astronomische Marktanteile einfahren – was soll also jetzt diese völlig überflüssige Panik?

geschrieben am 18.05.2010 von Fernsehkritiker ·   21 Kommentare Kommentar hinterlassen

Erinnern Sie sich an den Beitrag aus Folge 36 über die ARD-Reportage “Heilung unerwünscht”? In dem Film wurde behauptet, es gäbe eine von zwei Studenten entwickelte Salbe, die Neurodermitis spürbar lindere – eine Mischung auf Basis von Vitamin B12 und Avocadoöl. Die Pharma-Industrie verhindere die Markteinführung dieser Creme, weil sie an der Erkrankung von Neurodermitis viel mehr Geld verdiene als an einer solch heilenden Creme. Das war die Grundthese des Filmes. Es stellte sich rasch heraus, dass diese Dokumentation nichts weiter als eine Werbeveranstaltung sowohl für die Creme war als auch für ein Buch zum Thema, das der Autor des Filmes, Klaus Martens, zum Zeitpunkt der Ausstrahlung (Oktober 2009) auf den Markt brachte.

Nun, mehr als ein halbes Jahr später, hat der WDR eine personelle Konsequenz gezogen und Martens gefeuert. Mit seinem Film habe er gegen Programmgrundsätze verstoßen und dem WDR gegenüber falsche Angaben gemacht. WDR-Intendantin Monika Piel ließ persönlich verlauten, dass sie “tief enttäuscht” sei über diesen “Vertrauensbruch”. Der WDR dulde ein solches Fehlverhalten nicht.

Auf den ersten Blick mag das die richtige Konsequenz sein, aber auf den zweiten Blick tun sich doch manche neue Fragen auf. Denn wer ein bisschen Einblick in öffentlich-rechtliche Strukturen hat, der weiß, dass es äußerst schwierig ist für eine Dokumentation, einen prominenten Sendeplatz um 21 Uhr im Ersten zu bekommen. Viele andere bessere Dokumentationen schaffen oft es entweder gar nicht ins Erste oder werden weit nach 23 Uhr gezeigt. Ausgerechnet aber dieser schlecht (oder bewusst falsch?) recherchierte Film lief schon um 21 Uhr? Keiner der Programmverantwortlichen beim WDR hat sich also die Mühe gemacht, diesen Film angesichts einer solch prominenten Sendezeit auf seine Seriösität zu durchleuchten? Es kann also einfach ein WDR-Redakteur namens Klaus Martens daher kommen und ganz allein verantwortlich einen solchen Film drehen, der dann zur Prime Time im Ersten läuft? Das glaubt Frau Piel doch wohl selbst nicht. Vielmehr werden vermutlich hinter den Kulissen auch andere WDR-Verantwortliche Strippenzieher dieses Films gewesen sein – um möglicherweise ein paar Euros extra zu verdienen. Herrn Martens zu entlassen und damit dann die Sache als erledigt anzusehen ist ein bisschen arg einfach. Dass Klaus Martens als Autor des Filmes natürlich mitverantwortlich ist, steht außer Frage – aber er ist nichts weiter als ein Bauernopfer. An dem skandalösen Deal für diese pseudo-dokumentarische Werbeveranstaltung waren sicher mehr Leute seitens des WDR beteiligt als nur Herr Martens.

geschrieben am 16.05.2010 von Fernsehkritiker ·   5 Kommentare Kommentar hinterlassen

In den vergangenen zwei Jahren habe ich mich bereits darüber geärgert, dass die ARD von unseren Gebührengeldern teure, hochwertige Spielfilme einkauft, um diese dann mitten im Sommer in der Nacht zu versenden. Und was soll ich Ihnen sagen? In diesem Jahr macht es die ARD schon wieder so – und diesmal setzt sie sogar noch einen drauf.

Dieses Hochglanz-Presseheft hier wurde in den vergangenen Tagen vom Ersten verschickt:

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geschrieben am 15.05.2010 von Fernsehkritiker ·   29 Kommentare Kommentar hinterlassen

Haben Sie gestern auch die Wahlberichterstattung zur Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen verfolgt? Und fanden Sie es auch leidlich spannend, am Ende des Wahlabends wissen zu wollen, wer nun mit wem regieren kann? ARD und ZDF haben ihre Verantwortung als öffentlich-rechtliche Sender wahrgenommen und umfangreiche Informationen zu Wahl geliefert – allerdings ist so ein Abend immer auch ein harter Konkurrenzkampf zwischen dem Ersten und dem Zweiten. Bei wem tritt der Regierungschef, in diesem Fall Jürgen Rüttgers, zuerst auf? (letztlich dann bei niemandem) Wer entlockt welchem Politiker welche Aussage? Hier hatte die ARD Glück: Der CDU-Europaabgeordnete Elmar Brok plapperte in einem Interview aus, Rüttgers habe bereits seinen Rücktritt angeboten – diese Aussage machte im gesamten Medienzirkus die große Runde und war wohl die meistzitierte.

Wahlabende im Fernsehen – das sind auch die großen Momente der Meinungsforschungsinstitute. Und natürlich möchte jeder am Ende des Abends sagen: Wir waren von Anfang an näher dran am echten Ergebnis. Die Meinungsforscher haben in den letzten Jahren mehrmals schwer daneben gelegen – unvergesslich ist das Debakel für die CDU bei der Bundestagswahl 2005, welches keines der Institute vorausgesagt hatte. Die Zahl der entscheidungsfreien Wechselwähler und damit der Druck sind größer geworden, denn falsche Zahlen und Prognosen bedeuten auch für den Sender, auf dem sie veröffentlicht werden, einen Imageverlust. Die ARD arbeitet regelmäßig mit dem Institut infratest Dimap zusammen, das ZDF mit der Forschungsgruppe Wahlen – so auch gestern Abend. Und es scheint fast, als habe die Forschungsgruppe Wahlen hoch pokern wollen, um am Ende als wahrer Herr der Zahlen dazustehen. Denn  anders als infratest Dimap hielt die Forschungsgruppe auch kurz vor Mitternacht noch an der Aussage fest, dass nach ihren Zahlen die SPD die stärkste Partei im Land sei:

In der ARD ging man schon in den “Tagesthemen” um kurz nach 23 Uhr davon aus, dass dies die SPD nicht mehr schaffen wird – und das war auch korrekt. Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Entweder ist die Forschungsgruppe Wahlen das schlechtere Meinungsforschungsinstitut oder sie ging einfach das Risiko ein, am Ende des Wahlabends doch noch richtig zu liegen. Letzteres würde dann aber ebenso für ein schlechtes Institut sprechen, denn als Gebührenzahler erwarte ich keine falschen Informationen, um das Prestige retten zu wollen, sondern die echten, harten Zahlen.

geschrieben am 10.05.2010 von Fernsehkritiker ·   15 Kommentare Kommentar hinterlassen
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