Eine Kandidaten-Familie wird in ein Auto gesetzt und dieses Auto dann in einem Wasserbecken versenkt. Aufgabe der Familie ist es nun, sich schnellstmöglich unter Wasser aus dem Auto zu befreien. Undenkbar im Fernsehen, glauben Sie? Nein, genau dies ist so passiert Anfang der 70er Jahre in der Samstagabendshow “Wünsch dir was”. Für einen Eklat sorgte damals, dass die Tür des Autos klemmte und Taucher schließlich ins Becken springen mussten, um die Familie vor dem Ertrinken zu bewahren. Auch bei “Wetten, dass…?” gab es in den vergangenen 29 Jahren immer wieder Action-Wetten, wo Kandidaten bis ans Limit gingen. Sie donnerten Ski-Rampen hinunter, absolvierten mit Skateboards waghalsige Stunts und dergleichen mehr – und zwar bereits zu einer Zeit, als die private Konkurrenz noch gar nicht da war oder in den Kinderschuhen steckte. Am Samstag ist ein Unfall passiert – nicht mehr und nicht weniger.
Ich betone dies deshalb, weil ich die seit jenem Unfall am Samstagabend entflammte Debatte um die Gier nach Quoten zwar richtig finde, den Anlass aber eher scheinheilig. Der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck, der auch Vorsitzender des ZDF-Verwaltungsrates ist, fordert nun eine “Quotendebatte” und spricht davon, ein Menschenleben dürfe nicht für hohe Quoten riskiert werden. Ist dies denn hier wirklich geschehen? Hat das ZDF diese Wette NUR deshalb gezeigt, weil es gegen das “Supertalent” etwas Spektakuläres draufsetzen wollte? Waren nicht vielmehr die eingeladenen Top-Stars wie Phil Collins, Take That und Cameron Diaz das Quoten-Kalkül gegen die Mittelmaß-Akteure bei RTL? Waren es in jüngster Zeit nicht eher die Ekel-Wetten wie Tierkot riechen und an getragenen Gummistiefeln schnüffeln, die Anlass dazu gaben, “Wetten dass…?” Niveaulosigkeit zu unterstellen? Warum hat Herr Beck da nicht massiv protestiert? Nur weil niemand körperlich zu Schaden kam?
Mich ärgert das Statement von Kurt Beck, denn als er kürzlich an vorderster Front das neue ab 2013 geltende Gebührenmodell für ARD und ZDF auf den Weg brachte, hat er solche inhaltlichen Diskussionen nicht geführt. Daily Soaps, Schmalzfilme, Trivialisierungen im Informationsbereich und das immer weiter fortschreitende Abdrängen von niveauvollen Inhalten auf Spartenkanäle oder in die Nacht waren für ihn merkwürdigerweise kein Thema. Aber sei’s drum: Wenn wir jetzt wirklich eine echte “Quotendebatte” bekommen (und zwar nicht nur bezogen auf spektakuläre Action am Samstagabend), soll mir das recht sein. Vor allem kann damit auch noch etwas erreicht werden, denn das neue Gebührenmodell muss in den kommenden Monaten von jedem einzelnen der 16 Landesparlemente verabschiedet werden. Ich hoffe sehr, dass die eine oder andere Landesregierung nun grundsätzliche Vorschriften für die künftige inhaltliche Ausrichtung der Öffentlich-Rechtlichen, unabhängiger von Kommerz und Quote, durchsetzt. Besonders optimistisch bin ich da aber nicht.
geschrieben am 06.12.2010 von Fernsehkritiker · 36 Kommentare Kommentar hinterlassen
Das ist ja toll, was die ARD sich da als neues Programmschema für 2011 überlegt hat. Um es auf einen Satz zu bringen: noch eine rituelle Politiker-Talkrunde mehr und dafür künftig Dokumentationen im Nachtprogramm!
Dass Günther Jauch ab Herbst 2011 am Sonntagabend nach dem “Tatort” mit Spitzenpolitikern talkt ist eine teure Angelegenheit – und man wird sehen, ob er seine Gebührengelder wert ist. Die Chance sich zu beweisen sollte ihm natürlich gegeben werden. Wer allerdings geglaubt hat, man sei die vergleichsweise belanglose Talkerin Anne Will damit endlich los, irrt: Ihre Sendung geht auch weiter – künftig am Mittwochabend um 22:45 Uhr. Damit muss “Hart aber fair” auch umziehen – und zwar auf den Montagabend um 21 Uhr. Zwar beginnt Frank Plasbergs Talkshow (momentan sicherlich immer noch die sehenswerteste unter den Politik-Talks) damit künftig eine Dreiviertelstunde früher als jetzt – aber das hat einen hohen Preis: Die momentan auf diesem Sendeplatz laufenden Dokumentationen, ein wichtiges Element öffentlich-rechtlichen Fernsehens, beginnen dann erst montags um 22:45 Uhr. Reinhold Beckmann zieht mit seiner Sendung auf den späten Donnerstagabend um, unberührt von all dem bleibt Sandra Maischberger am späten Dienstagabend.
Das bedeutet: In der ARD wird künftig sonntags, montags, dienstags, mittwochs und donnerstags gequasselt – auch der satirische Sendeplatz am späten Donnerstagabend ist damit geopfert. Die Frage ist: Muss das wirklich sein? Brauchen wir drei Polittalks in der ARD pro Woche, in denen bei aktuellen Geschehnissen vermutlich dasselbe besprochen wird? Frank Plasbergs Vorteil war bislang, dass er erst drei Tage nach “Anne Will” auf Sendung ging – damit gab es keine allzu große zeitliche Nähe. Künftig ist er gut 23 Stunden nach Günther Jauch dran. Jauch kann sich das Top-Thema der Woche nehmen und Plasberg hat zwei wenig vorteilhafte Möglichkeiten: Er kaut das selbe Thema nochmal durch oder er muss sich alternativ ein (vielleicht weniger attraktives) Thema suchen. Den guten Einschaltquoten von “Hart aber fair” wird das schaden – aber womöglich ist das die Absicht: Schon länger wird gemunkelt, den ARD-Oberen sei Plasbergs Sendung zu teuer… Und Anne Will? Was diese Talkshow nun weiter im Programm soll, bleibt ein Rätsel. Vermutlich ist es reiner Proporz: Der NDR hat sich nach dem Abgang von “Sabine Christiansen” schon einmal geweigert, Jauch anzuerkennen, weil er keiner aus dem eigenen Stall ist – nun hat man zumindest durchgeboxt, dass die hauseigene Talkerin Will ihre Sendung behalten darf. Über den Sinn dessen denkt niemand nach.
Besonders dramatisch ist aber, dass der letzte Primetime-Sendeplatz für Dokumentationen im Ersten damit gestrichen wurde. Statt fundierter Recherche und wichtiger gesellschaftlicher Aufklärung (wobei man dies auch nicht mehr von jeder ARD-Doku behaupten konnte) darf nun noch mehr gequasselt werden als vorher. Die Zunahme der ARD-Talkshows mit den immer selben Gästen zu den immer selben Themen bedeuten einen weiteren Schritt hin zur Verflachung im Informationsbereich – und befremdlich dreist ist es, dass die ARD dies eiskalt durchzieht. Aber ab 2013 darf sie ja eh machen was sie will – und bekommt sogar noch deutlich mehr Geld als bisher.
geschrieben am 01.12.2010 von Fernsehkritiker · 27 Kommentare Kommentar hinterlassen
Die Krimiserie “Im Angesicht des Verbrechens”, die derzeit freitagabends ab 21:45 Uhr in der ARD läuft, gehört für mich zu den besten deutschen Produktionen seit Jahren. Und das ist nicht nur meine Meinung: Die Kritiken sind durchweg positiv, im Vorwege gab es sogar schon den Deutschen Fernsehpreis (wobei das nichts bedeuten muss). Auf diese Serie kann die ARD wirklich stolz sein, denn die Produktion unter der Regie von Dominik Graf ist spannend, schonungslos, realistisch, dreckig, eine Milieustudie über die Berliner Russenmafia auf hohem Niveau – und damit ein herrlicher Gegensatz zu den sonstigen Schmalzproduktionen am Freitagabend im Ersten. Aber bei der ARD scheint nur eines interessant zu sein: die Quote! Diese ist zugegebenermaßen nicht übermäßig, im Schnitt schauen rund zwei Millionen Menschen zu. Aber dafür, dass die Serie erst am späteren Abend läuft, ist das auch nicht schlecht. Eine anspruchsvolle, ambitionierte Serie muss eben mit dem Phänomen leben, dass sie die Massen nicht anzieht – aber wir zahlen ja unsere Gebühren, um dennoch solche anspruchsvolle Kost zu bekommen. Soweit die Theorie: Die ARD sieht sich trotzdem genötigt, die Reißleine zu ziehen – obwohl die Quote für einen öffentlich-rechtlichen Sender nicht das wichtigste Kriterium sein sollte. Am 19. November werden die drei noch restlichen Folgen der Serie hintereinander schnell weg gesendet, am 26. November wird es dann entgegen der Planung keine Folge mehr geben. Man will, um es deutlich auszudrücken, den quotenschwachen Krams schnell hinter sich bringen – Qualität und Kritiken hin oder her.
Zugegeben, es ist jetzt nicht dramatisch: Am Freitagabend kann man auch locker bis Mitternacht Fernsehen gucken. Aber dennoch zeigt es ja wieder mal, wie sehr der Quotendruck die Programmplaner im Ersten verzweifeln lässt. Und manch einer, der sich auf die Fernsehzeitschriften verlässt, bekommt dies womöglich nicht mit und verpasst dann die finale Folge.
Besonders bitter dürfte dies für die Führung der Filmproduktionsfirma Typhoon sein, die fest an die Serie glaubte und daran letztendlich pleite ging. Welch ein fader Nachgeschmack, nun sehen zu müssen, dass ein mit soviel Kraft und Lust inszeniertes Projekt so schäbig behandelt wird.
geschrieben am 11.11.2010 von Fernsehkritiker · 31 Kommentare Kommentar hinterlassen
Wie schön, dass ARD und ZDF nun selbst offen bekennen, wie die Methoden der GEZ einzustufen sind – gefunden auf DIESER merkwürdigen Seite.
geschrieben am 07.11.2010 von Fernsehkritiker · 26 Kommentare Kommentar hinterlassen“WDR Print” ist normalerweise eine relativ uninteressante Postille für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Westdeutschen Rundfunks. Verkündet werden darin zumeist Selbstbeweihräucherungen der Senderleitung und hausinterne Neuigkeiten und Personalnews, die kaum jemanden interessieren. Doch diesmal ist alles anders: Die November-Ausgabe der Mitarbeiter-Zeitung beinhaltet sensationelle Neuigkeiten. So verkündet Intendantin Monika Piel gleich auf Seite 1 eine Qualitätsöffensive und wird zitiert mit dem Satz “Es war ein großer Fehler, bei der Programmgestaltung ständig auf die Einschaltquoten zu schielen.” Profite zu generieren sei nicht der Auftrag. Piel wolle eine Abkehr von “Coaching, Quiz und Zoogeschichten” hin zu mehr “Recherche, Hintergrund, Dokumentation, Kultur”. Durch den Weggang von Harald Schmidt zu SAT.1 seien “erhebliche Summen” frei geworden, mit denen nun in anspruchsvolles Programm investiert werden könne. Auch bei Bezügen und Pensionsverpflichtungen für die Chefetage des WDR werde der Rotstift angesetzt. Zugleich würden die Honorare der freien Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter “deutlich” erhöht, da sie eine “tragende Säule” des Programms seien.


Das klingt wahrlich unglaublich – und ist auch leider nicht die Realität: Diese Ausgabe der “WDR Print” ist eine perfekt gefälschte Fake-Ausgabe, die mit einer Auflage von 10.000 Exemplaren im ganzen Sender verteilt wurde. Initiiert wurde diese Form von satirischem Protest von einer Gruppe festangestellter und freier WDR-Journalisten, die damit auf die Situation insbesondere der freien Beschäftigten im Hause aufmerksam machen wollen. Denn obwohl die freiberuflichen Redakteure einen Großteil der Inhalte des WDR erstellen, bekommen sie im Jahr gerade mal zusammen 80 Millionen Euro (bei einem Gesamt-Etat von 1,35 Milliarden Euro). Auf einen Stundenlohn herunter gerechnet bedeutet das teils weniger als 10 Euro – eine skandalöse Bezahlung für ausgebildete Journalisten. Und die Kritik geht, wie schon zitiert, weit über dieses Thema hinaus: Die Macher des Satire-Blattes üben scharfe Kritik an den Inhalten des WDR-Programmes. Auch die Zusammenarbeit des WDR mit dem privaten Medienkonzern WAZ-Gruppe wird in Form einer Fake-Meldung kritisiert: Die Kooperation werde beendet, da es nicht zum Kurswechsel des WDR passe, mit einem solchen Konzern weiter zu paktieren – leider auch das nicht die Realität.

Ebenso dreist ausgedacht, aber wünschenswert, wenn es denn so wäre: ein Bericht über eine Massendemonstration gegen das streckenweise niveaulose Programm des WDR:

Der köstliche Höhepunkt dann auf der letzten Seite: All der niveaulose Mist, den der WDR bislang so gesendet habe, werde nun in nur einer einzigen Sendung zusammengefasst, um so Sendeplätze für intelligentes Programm freizuräumen. Die 45-minütige Abfall-Sendung mit dem Titel “Ein Aufwasch”, die dann sozusagen als WDR-Müllhalde diene, werde moderiert von Margarethe Schreinemakers. Deren Marktwert sei schließlich derzeit “überschaubar” – dies mache die Sache auch finanziell reizvoll.

WDR-Intendantin Piel reagierte bereits (diesmal in echt). Sie wolle die Macher der Fake-Zeitung möglichst bald zu einem “Get Together” einladen, um über die Forderungen zu sprechen – insofern kann man den einfallsreichen Protestlern nur gratulieren zu dieser glänzenden Aktion!
Die komplette Zeitung als pdf-Datei gibt es HIER auf den “Freien Seiten”.
geschrieben am 30.10.2010 von Fernsehkritiker · 30 Kommentare Kommentar hinterlassenDer öffentlich-rechtliche Jugendsender des MDR, Jump, hat mit mir in der vergangenen Woche ein Interview geführt. Ich musste dazu extra auf vermintes Gelände gehen: Um eine bessere Tonqualität zu haben wurde ich zum Norddeutschen Rundfunk zitiert, um dort dann über eine Direktleitung mit dem Herrn von Jump zu plaudern.
Sie können sich den recht kurzen Beitrag HIER anhören – aber wundern Sie sich nicht, dass kein einziges Wort an Kritik gegen ARD und ZDF zu hören ist: Diese Passagen des Interviews mit mir hat Jump erwartungsgemäß nicht verwendet!
geschrieben am 12.10.2010 von Fernsehkritiker · 14 Kommentare Kommentar hinterlassen
In dem Beitrag aus Folge 54 über den manipulativen Bericht über “Killerspiele” in der WDR-Sendung “Frau TV” ist Ihnen auch Regine Pfeiffer bewegnet. Die ältere Dame zieht mit ihrem Engagement gegen “Gewaltspiele” schon länger den Zorn der Spieler-Community auf sich – und der Auftritt bei “Frau TV” wird nicht gerade das Gegenteil bewirkt haben.
Der Blogger Green Ninja hatte ihr schon kurz nach Ausstrahlung der Sendung eine E-Mail geschrieben, in der er sich über “Frau TV” und auch die Aussagen von Regine Pfeiffer beschwerte. Pfeiffer hat ihm kurz darauf geantwortet. Die Antwort hat Green Ninja in seinem Blog gepostet. Interessant ist zunächst einmal, dass Frau Pfeiffer selbst zugibt, dass der Beitrag nicht ausgewogen war und ihre Aussagen von “Frau TV” verkürzt wurden: “Ein solcher Beitrag ist in unglaublichem Ausmaß das Ergebnis von Schnitten. Ich denke, die Aufnahmezeit war insgesamt ungefähr acht Stunden. Was dabei rauskommt, ist dann für die Gefilmten auch eine Überraschung. Für mich war ärgerlich, wie viel von Davids Statements und Erklärungen weggeschnitten war.” Des weiteren verteidigt sich Pfeiffer damit, dass der im Internet veröffentlichte Begleittext zu dem Beitrag sehr viel informativer und ausgewogener gewesen sei. Den hätte ja schließlich jeder lesen können. Mal ernsthaft: Wie viele der Zuschauerinnen von “Frau TV” werden sich hinterher vor den Computer gesetzt und den Begleittext gelesen haben – zumal auch der ja voller fehlerhafter Informationen ist (das geht bei der Überschrift “Eine tote Frau bringt 100 Punkte” schon los).
Immerhin zeigt Pfeiffers Statement, dass auch sie sich letztendlich ein Stück weit hinters Licht geführt fühlt von “Frau TV”. Und dies belegt ein weiteres Mal, dass “Frau TV” eine tendenziöse Berichterstattung, die auf Teufel komm’ raus die Diskriminierung von Frauen in Videospielen herbeireden will, wichtiger ist als ausgewogene Recherche.
geschrieben am 05.10.2010 von Fernsehkritiker · 26 Kommentare Kommentar hinterlassen
Wir feiern in diesen Wochen 21 Jahre friedliche Revolution in der ehemaligen DDR und 20 Jahre Deutsche Einheit. Damals bedeutete dies auch das Ende der Behörde für Staatssicherheit. Was aus den ehemaligen schnüffelnden Mitarbeitern geworden ist und in welchen Behörden die jetzt so arbeiten, möchte ich lieber gar nicht wissen.
Mit der GEZ kommt es mir ein bisschen ähnlich vor. Bis 2013 darf sie noch staatlich legitimiert den Bürgern unseres Landes hinterher schnüffeln – und dann? Die eigentliche Idee, nämlich die GEZ überflüssig zu machen und abzuschaffen, ist inzwischen endgültig vom Tisch. Auch über das Jahr 2013 hinaus wird es diese Institution geben. In einem Interview des Radiosenders WDR 5 verteidigt die stellvertretende Intendantin Eva-Maria Michel dies – allerdings mit scheinheiligen Argumenten. Hören Sie selbst!
Zunächst ist mal interessant, dass Frau Michel auch zugleich Justiziarin des WDR ist. Nanu, werden also Chefetage und Rechtsabteilung des Senders nicht sauber getrennt? Aber das nur am Rande… Interessanter ist, wie Frau Michel die GEZ schön und vor allem harmlos redet. Die GEZ unterliege einer “intensiven Datenschutzkontrolle”, sagt sie. “In manchen Fällen” sei die Kontrolle sogar stärker ausgeprägt als bei den Finanzämtern – was im Umkehrschluss bedeutet: in vielen Fällen nicht. Die GEZ dürfe die Daten “nur für ganz bestimmte Aufgaben verwenden” und keinen “Adresshandel aufmachen”. Dass die GEZ selbst einen Teil ihrer Daten bereits über Adresshändler erhält, sich also dieser Methoden zumindest bei der Datenerhebung bedient, verschweigt sie.
Einmalig sei es der GEZ gestattet, im Jahr 2013 ihren Datenbestand mit dem der Einwohnermeldeämter abzugleichen. Interessant! Da stellt sich die Frage: wozu? Warum überträgt man nicht einfach die Erhebung pro Haushalt auf die Einwohnermeldeämter und macht damit die GEZ überflüssig? Stattdessen gibt es hier einen riesigen Datentransfer. Diese Lösung sei kostengünstiger, begründet Michel die Vorgehensweise – wie sie das belegen kann, sagt sie nicht. Die Moderatorin der Sendung stellt die Fragen ohnehin immer so, dass Michel im Schonwaschgang antworten darf. So wird zum Beispiel gefragt, wie es denn in Zukunft verhindert werden könne, dass in einer “Zehner-WG” keine “Schlupflöcher” mehr entstünden – dabei ist ja gerade der Grundgedanke der Reform gewesen, dass es gar keine Schlupflöcher mehr geben muss. Und genau das sollte doch eigentlich das Ende der GEZ bedeuten.
Auch die Aufgaben der GEZ auf die Finanzämter zu übertragen, sei falsch, so Michel. Immerhin entstünde dann ja eine “Superbehörde”, die alle Daten hätte, die die GEZ hat. Eine schier unfassbare Aussage: Michel räumt offen ein, dass die GEZ Daten hat, von denen selbst Finanzbehörden weit entfernt sind. Und sie warnt dann auch noch vor staatlichen Behörden – und suggeriert damit, die GEZ sei viel vertrauenswürdiger. Das Gegenteil ist wohl der Fall.
Viel positives Feedback bekomme sie von den Bürgern, so Michel. Und es gebe eine breite Akzeptanz, für das “sehr, sehr gute Programm” des WDR die Rundfunkgebühren zu bezahlen. Mir scheint, die Frau hat lediglich in ihrem elitären Dunstkreis herumgefragt – sonst würde sie nicht zu solch einem Ergebnis kommen. Oder sie lügt schlichtweg dreist.
Das gesamte Interview ist reine Propaganda für die GEZ. Es verwundert nicht, dass gleich eine Justiziarin selbst Rede und Antwort stehen muss, um ja keinen falschen Zungenschlag in die Fragen und die Antworten zu bringen. Aber diese Art von unkritischem Journalismus ist genau das nicht, wofür die Gebühren gedacht sind. Das ist überhaupt das Allerschlimmste an dieser völlig fehlgeleiteten Reform: In Zukunft kann man nicht mal mehr in der Weise gegen die Öffentlich-Rechtlichen demonstrieren, indem man seinen Fernseher bzw. sein Radio abschafft. Man muss zahlen – und ARD und ZDF dürfen tun und lassen, was sie wollen.
geschrieben am 14.09.2010 von Fernsehkritiker · 17 Kommentare Kommentar hinterlassenSebl ist Informatik-Student und somit mit Diagrammen vertraut. Insofern regt es ihn seit Jahren wahnsinnig auf, wie zum Beispiel in der ARD-Tagesschau immer wieder Grafiken falsch dargestellt werden. Jüngstes Beispiel:

Sebl schreibt mir: “Es wird eine insgesamt lineare Zuwachsrate ‘vorgetäuscht’. Dabei müsste der rechte Teil des Graphen viel steiler wachsen. Das ist ‘falsch’ dargestellt und sehr einfach zu verstehen! Die Freiheit, die Achse nicht-linear wachsen zu lassen und dann nicht zu beschriften, hätte schon etwas Vorsätzliches. Aber das ist ja auch nicht der Fall, denn die Blöcke haben ja eine einheitliche Größe. Stattdessen wird eine Stufe eingefügt und nicht erwähnt, somit die Interpretation völlig verdreht: insgesamt lineare Steigerung statt zweistufiger Wachstumsgeschwindigkeit in beschleunigender Weise (hinten steiler).”
In einer zweiten Grafik verdeutlicht er, was er genau meint:


Es ist durchaus anzuerkennen, dass der Westdeutsche Rundfunk als erster öffentlich-rechtlicher Sender die Gehälter seines Führungspersonals offengelegt hat, denn dass dies dem Gebührenzahler gegenüber bislang geheim gehalten wurde, ist schon ein starkes Stück. Wir alle zahlen in den Gebührentopf hinein, somit sind die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von ARD und ZDF auch indirekt bei uns angestellt. Dennoch kein Wunder, dass diese Geheimniskrämerei betrieben wird, denn was der WDR da jetzt an Zahlen präsentiert hat, zieht einem die Schuhe aus: Allein WDR-Intendantin Monika Piel verdient 308.000 Euro im Jahr (plus eine Prämie für lange Betriebszugehörigkeit) – sie hat damit ein höheres Gehalt als unser Bundespräsident. Des weiteren gibt es noch fünf Direktoren, die auch nochmal um die 200.000 Euro Jahresgehalt kassieren. 2009 gingen allein zur Finanzierung dieser sechs WDR-Führungspersonen rund 1,4 Millionen Euro drauf. Weitere Einzelheiten lesen Sie bei “Funkkorrespondenz”. Hochgerechnet auf alle öffentlich-rechtlichen Sender dürfte da ein Millionenbetrag deutlich im zweistelligen Bereich zusammengekommen – wie gesagt: nur die Gehälter einer Handvoll Leute!
Auch als Rentner wird es den Damen und Herren gut gehen – und das gilt nicht nur für die obere Mitarbeiterschicht. Rund 16.000 pensionierte ehemalige Mitarbeiter von ARD und ZDF beziehen (neben ihrer staatlichen Rente) eine über Gebühren finanzierte Betriebsrente von durchschnittlich etwa 1500 Euro pro Nase und Monat – macht etwa eine Viertelmilliarde Euro im Jahr! Als 2007 die Gebühren erhöht wurden, war die Rundfunkkommission KEF, die den Finanzbedarf ermittelte, gar so ehrlich, offen zuzugeben, dass bis 2012 allein für diese Altersvorsorge etwa 2,2 Miliarden Euro benötigt würden. Unter anderem wurde damit überhaupt die Erhöhung der Gebühren begründet.
Ich möchte hier weder Wut noch irgendeinen Neid entfachen – jeder Mitarbeiter von ARD und ZDF hat das Recht, angemessen bezahlt und fürs Alter abgesichert zu werden. Dennoch bleibt der Eindruck, dass hier ein Sparwille nicht wirklich da ist – und wenn das Geld nicht mehr reicht, dann erhöht man eben die Gebühren. Durch die Gebührenreform 2013 steht ja bereits der nächste Geldsegen ins Haus.
geschrieben am 10.08.2010 von Fernsehkritiker · 36 Kommentare Kommentar hinterlassen